Wiebke Johannsen |

Gespräch mit Christopher Geiger

Auf der Suche nach einem Berufsbild Mus.Päd., das sich gut übers Sopha hängen liesze – oder einfach nach Erfahrungen und Gedanken übers Tun: Kunst vermitteln (und Geschichte und Politik und und – wird fortgesetzt) habe ich meinen Kollegen und Freund Christopher befragt. Durch seine Vermittlung kam ich selbst vor etwa 20 Jahren zum Vermitteln.


Christopher Geiger, geb. 1949 in Hamburg, Kindheit in den Trümmergrundstücken (Abenteuerspielplätzen) von Köln, Jugend in Berlin, dort schon während der Schulzeit in der FU zu Vorlesungen gerannt, z.B. 1967 zu Herbert Marcuse, 1968 zu Daniel Cohn-Bendit, später zu Lefèvre, P. Brandt, M. Schneider u.A. Ab 1970 an der FU für 4 Semester eingeschriebener Student in Soziologie und Psychologie (Josef Rattner), kein Abschluß.
Nach dem Studium 10 Monate als Volonteer in Israel (Kibbuzarbeit Bühnenarbeit beim Film Jesus Christ Superstar).
In Hamburg zwischen 1974 – 1979 Dauergasthörer in der HfBK am Lerchenfeld
(B. Brock, G. Rühm, S. Polke, J. Beuys).
Ab 1980 Studium an der Fachhochschule Armgartstraße mit Diplom als Illustrations- Designer. Lebt und arbeitet als Künstler, Mallehrer, Kunstvermittler und Galerist seit den 70er Jahren im Karolinenviertel. GALERIE m6.


Was ist DEIN besonderes Interesse (beim Kunst-Vermitteln)?

Zum Beispiel das Verhältnis – oder: Verhalten – von Menschen zu Werken kennen zu lernen. Ebenfalls die besondere Wirkung von Kunstwerken auf die Betrachter*innen zu erforschen. Die Betrachter zu eigenen Werken zu ermutigen. Ebenfalls mich selbst.

Wie wichtig ist Dir das GESPRÄCH?

Wichtiger als das „Führen“. Ebenso wichtig sind aber Pausen und die Stille.

Gab es damals Fortbildungen?

Ja! Jede Menge Weiterbildungen. Meist angeregt von: Thomas Sello, Elke Schneider, Frank Jürgensen, Nils Jockel, Reiner Müller, Eberhard Hempel u.a.m. Es gab auch sehr viele Weiterbildungstreffen der freien Mitarbeiter (ohne die hauptamtlichen Mus.-Päd.) untereinander. Außerdem wurden viele gemeinnützige Vereine, freie Kunstschulen und Off-Galerien gegründet (z.B. die „m6“), in denen zur Weiterbildung angeregt wurde.

War/ ist es Dir wichtig, mit KünstlerInnen zu sprechen?

Manchmal ja – manchmal nein. Es hängt davon ab, wie rätselhaft ich ihr Werk finde. Und ob ich das Rätsel auflösen oder in Unbestimmtheit belassen will.

Betr. „damals“: was sollte gerettet, bzw. wiederbelebt werden?

Fast alles! Aber vielleicht sollten stärkere Geruchsproben oder lautere Musik einfach weggelassen werden. Bei Blinden wären Ausnahmen möglich. Jedoch sollte es gestattet sein, die Werke mit unterschiedlich eingefärbten Sonnenbrillen zu betrachten, um additive oder subtraktive Farbwirkungen zu prüfen, z.B. ...

Gibt es für Dich Qualitäten in der Kunst?

Kunst ist eine Qualität (z.B. im Gegensatz zu Kultur und Wissenschaft). Außerdem hat jedes Kunstwerk eigene Qualitäten. Also kann gesagt werden: In der Kunst gibt es genauso viele unterschiedliche Qualitäten, wie es Werke gibt, die von individuellen Künstlern oder von Künstlergruppen angefertigt werden/ würden.

Das gilt für alle Kunstrichtungen, auch z.B. für Konzeptkunst, deren letzte Konsequenz darin bestehen könnte, Gedanken zu übertragen. Oder auch für Werke, die maschinell oder industriell hergestellt werden/ würden, z.B. Ready Mades oder Objets Trouvés. Also: ob Höhlenmalerei, ottonische Kunst, Realismus, Impressionismus oder Ready Made – jede Kunst hat ihre eigenen Qualitäten.

Wie bereitest Du Dich vor?

Eher schlecht als recht. Zwar lese ich viel und probiere vorher viele Materialien aus. Aber ich vergesse auch einiges von Gelesenem und mache Fehler bei der Materialverarbeitung.

Damals haben KünstlerInnen geführt – worin besteht der Unterschied zu Führungen von WissenschaftlerInnen?

Die Künstler*innen hatten mehr Gestaltungsspielraum, da sie z.B. auch unwissenschaftlich arbeiten konnten. Beispielsweise war es noch nicht verboten, vor den Werken zu singen, zu tanzen (Nele Lipp), Gedichte zu sprechen oder farbige Sonnenbrillen aufzusetzen. Sie konnten barfuß oder in Gummistiefeln durchs Museum gehen oder laufen; oder sich, als Arzt verkleidet, mit einem Teewagen voller Spekulierinstrumente den Bildern nähern. Sie durften sogar vor den Bildern malen (!), was heute streng verboten ist! Sie konnten selbst entscheiden, ob sie Museumsgäste auffordern wollten, mal eine Führung zu übernehmen. So ließ ich z.B. Michael Mehldau und Hugo Rothenhäuser (beide SCHLUMPER- Künstler) zur Verblüffung anderer Gäste oft Führungen in der Kunsthalle machen. Glücklicherweise gibt es davon eine Video-Kassette (VHS), die Olicer Helf (Bühnenbildner in Hamburg, Leipzig u.a.) damals aufnahm.

Sie konnten eigene (meist didaktische) Ausstellungen in der Kunsthalle aufbauen, wie z.B. SPREZZATURA, eine von mir initiierte Ausstellung, die ich zusammen mit Reiner Müller und Thomas Sello verwirklichen konnte.
Seit ca. 10 – 15 Jahren dürfen Museumspädagogen an der Kunsthalle keine Hängungen (von Ausstellungen) mehr kritisieren. Sondern nur noch einzelne Werke. Soweit ist es gekommen...

Wie bist Du zum Kunst-Vermitteln im Musäum gekommen?

Ende 1988 wurde ich von anderen Künstlern, die bereits als Kunstvermittler*innen arbeiteten, bei Thomas Sello in der Hamburger Kunsthalle vorgeschlagen.

Gab es Führungen, die Dich beeindruckt haben?
Kollegen, denen Du viel verdankst – oder: von denen Du Dich abheben wolltest und willst?

Ja, einige Führungen und viele Kollegen. Aber zur Erläuterung reicht der Platz hier nicht.

Was braucht ein/e Mus.Päd. an Handwerkszeug?

Alles, was zur Erkenntns und nicht zur Zerstörung des zu betrachtenden Werkes dient.

Aus welcher Motivation heraus machst Du das? Und mit welchem Ziel?

Ich sehe die Werke mit anderen Augen. Mit den Augen anderer Menschen. Im Allgemeinen irre ich ziellos umher. Was war damals anders als heute? Fast alles!

Wieviel Wissenschaft braucht ein/e KunstvermitlerIn/ Mus.Päd.?

Eher zu viel als zu wenig.

Was braucht’s von der Institution (dem Musäum)?

Einiges: Bereitstellung von Räumen, Werken, Büchern und, nicht zuletzt, der Honorare. Außerdem soll sie uns tanzen, singen, malen und lachen lassen!

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  • Ruth-Esther Geiger

    04.02.2021 14:13 Uhr

    GEFÄLLT MIR SEHR GUT! HABE VIEL ERKANNT UND GELERNT DURCH DAS INTERVIEW: auch über meinen Bruder mal wieder......
    Seine Motivation, super, seine Wünsche ans Museum: genau richtig, auch für uns aktive Betrachter und Geniesser.

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