Jens Germerdonk |

Der blinde Fleck

Sichtbare und unsichtbare Arbeit im Museum.

Die Erfindung des Museums

In ihren Kabinetten und Tempeln häufte die feudale Klasse Dinge auf. Die bürgerliche erschloss sich Tempel und Kabinett. Den Dingen baut sie moderne und immer modernere Gehäuse. Akkumulierung von kulturellem und sozialem Kapital: In den heiligen Hallen und am heimischen Tisch lässt es sich gut reden über Kunst.

Das Museum baut den Dingen ein Theater. Unsichtbares Bauen sichtbarer Kulissen. Das Museum lässt die Dinge leuchten. Vermittelnde Arbeit bespielt sichtbar das belebte Haus und lässt es leuchten.

Gemein das gemeinsam gelieferte Produkt: Nation-Building.

Gefrorene Zeit

Alles machten Museum und vermittelnde Arbeit mit: Reformpädagogik, Agitprop, Faschismus, Restauration und sozial-liberale Bildungsoffensive.

Mit dem Instrumentarium der Präsentation – Vitrine und Vortrag – entfalteten sich die internen Verhältnisse. Heute liegen sie offen zutage: Tarifgruppen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Rentenansprüche, bezahlter Urlaub, Bibliotheken, Gleichstellungsbeauftragte, Gesundheitsfürsorge, Personalräte, Schulungen, Fort- und Weiterbildung, Bildungsurlaube, Kekse, Obst, Heiß- und Kaltgetränke, beheizte Räumlichkeiten, regelmäßige Reinigung, Garderoben, Möbel, Konferenzen, Papier, Stifte, Lineale, Locher, Radiergummi, Gummibänder, Heftstreifen, Klarsichtfolien, Karteikarten, Ordner, Registraturen, Scanner, Kopierer, Drucker, Umschläge, Versandtaschen, Dienstreisen, Spesen, Toilettenpapier, Seife, Parkplätze, Porto, Fachzeitschriften, Computer, Telekommunikation.

Von all dem hat vermittelnde Arbeit: nichts. Auf eigene Kosten bloß und in unbezahlter Zeit. 

Im Haus entfremdende Arbeitsteilung, Hierarchien, Spesen und Speisen. Vermittelnde Arbeit abgespeist mit Handgeld. Aus dem und sich selbst schöpft sie leidenschaftlich bis zur Erschöpfung: solistisch, vereinzelt und vermeintlich frei. Die überkommenen Verhältnisse bleiben verschleiert.

Lebendige Zeit

Im vordemokratischen Museum begegnen sich feudale und bürgerliche Gesellschaft.

Nation-Building, Dünkel und autoritäres Denken - diese Trias steckt dem Museum in den Knochen. Den Gedenkstätten obliegt es, die Erinnerung wach zu halten an das, was ihr folgte.

Dienstbarkeit zwischen Avantgarde und Mainstream: dem Museum und der vermittelnden Arbeit ist sie gemein. Gemein auch der exotistische Blick: auf die unverschleiert ausgestellten Dinge wie auch auf die verschleierten Verhältnisse vermittelnder Arbeit.

In den Knochen vermittelnder Arbeit: weiblich konnotierte Ideologie des Zuverdienstes, studentische Feier der ewigen Adoleszenz, Marginalisierung.

Die neoliberale Gesellschaft trimmt das Gerippe auf Effizienz. Die digitale Gesellschaft verchromt es. 

Dem Museum und der vermittelnden Arbeit aber geht es doch sowohl um den Tod als auch um das Leben: Leidenschaft für die Dinge, Liebe zu den Menschen. Unendlich gelebte und lebendige Zeiten überlagern sich angesichts der in Szene gesetzten Dinge. Das Dazwischen – das je neue, einmalige, einzigartige, flüchtige in Szene setzen – das ist vermittelnde Arbeit, ist der blinde Fleck. 

Jenseits der Verwertungslogik

Wertgeschätzt werden Museen und vermittelnde Arbeit allerorten.

Die vordemokratische Gesellschaft goutiert sie.

Die demokratische Gesellschaft anerkennt sie.

Die soziale Gesellschaft zeigt sich erkenntlich.

Da aber ihr gemeinsames Produkt – Aufklärung, Demokratisierung und Teilhabe – flüchtig ist und nicht validierbar, muss die neoliberale Gesellschaft das Museum wie auch die vermittelnde Arbeit knapphalten.  Sie investiert in Kulturindustrie, subventioniert das Museum und alimentiert vermittelnde Arbeit. Bildung verkennt sie als Standortfaktor im globalen Konkurrenzkampf. Ihr Blick ist getrübt.

Eine befreite Gesellschaft befreite sich mit dem Schleier der Nation vom blinden Fleck. In Bildung erkennte sie Herzensbildung. Ihre blickscharfe Trias wäre: Leidenschaft, Liebe und Mensch.

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  • Klaus Sander

    08.03.2021 19:32 Uhr

    Meine Hochachtung,Jens. ich bin begeistert.

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